Als wir gestern Abend gemütlich im Zimmer saßen, schob sich plötzlich ein großes Schiff mit grünen Segeln ins Bild.

Die Alexander von Humboldt 2 macht direkt vor unserem Fenster halt.

Welch ein Bild! Die Matrosen hängen noch oben in den Rahen.

Heute morgen war sie immer noch da.

Da ahnte ich noch nicht, wozu ich mich im Laufe des Tages noch hinreißen lassen würde.

Erstmal zog es mich einfach nur dahin.

Sail away, dream your dreams…

Um 10 Uhr sollte eine Tagesfahrt starten. Alles ausgebucht.

Rüdiger hatte keine Lust und ich hoffte, allein vielleicht noch einen Platz zu bekommen.

Zuerst sah es schlecht aus, aber dann kurz vorm ablegen hieß es „Ach kommen sie, man muss ja auch mal Glück haben.“

Schon war ich an Bord.

Die Besatzung war ausgesprochen nett und mitteilsam. Man erfuhr viel über die Seefahrt und persönliche Werdegänge.

An Bord sind außer der festen Crew entweder junge Menschen, die noch Zeit haben oder alte Menschen, die schon wieder Zeit haben.

Beim Mittagessen setzte sich Schiffsarzt Axel zu mir. Man duzt sich an Bord. So ein Schiffsarzt müsse doch sicher seefest sein, mutmaßte ich.

Ja, antwortete er mit beeindruckender Offenheit, er habe erst einmal im Leben gekotzt.

Ja, gekotzt, hat er gesagt, der Herr Doktor, nicht vomieren oder übergeben.

Es mag an dieser ungezwungenen Stimmung gelegen haben, dass später das passierte, was mir jetzt noch heiße Schauer des Schams über den Rücken jagt.

Eigentlich würde er ja sonst gerne mal Akkordeon spielen, erwähnte er später, aber heute sei es ihm zu kalt.

Oh wie schade, bedauerte ich.

Kannst du singen, fragte er.

Nein, aber ich tu es trotzdem.

Da hatte ich mich wohl missverständlich ausgedrückt.

Nach dem Essen packte Axel das Bordakkordeon aus, blätterte seine Noten durch und fragte „kennst du das?“

„Ja, kenne ich, aber das singe ich hier nicht allein“.

Ich suchte nach Verbündeten.

„Kommen sie, das kennen doch auch, das singen wir jetzt mal zusammen“, quatschte ich wildfremde Leute an und ging damit schon hart an meine Schamgrenze.

„Ach nein, ich kann doch nicht singen“, war die Antwort oder nur ein stummes entsetztes Kopfschütteln.

Axel spielte so schön und die Leute nahmen keine Notiz davon. Ich war echt entsetzt. Da muss man doch wenigstens mal mitsummen und nicht abwesend vor sich hin oder auf sein Handy glotzen.

Ihr Idioten. So langsam wurde ich wütend. Wut setzt meine Hemmungen immens herab. Im selben Moment fragt Axel, ob ich „Amsterdam“ kenne.

Allerdings! Das ist eins meiner Lieblingslieder, das kenne ich auf deutsch und auf französisch.

Tja und dann habe ich Luft geholt und auf dem Schiff mit der Becks Bier Reklame, das ich aus dem Fernsehen kenne, eine äußerst fragwürdige Gesangsdarbietung gegeben.

Nicht besonders laut, aber es reichte, um Bruno anzulocken.

Bruno hat den Plan! Ein Seebär, wie er im Buche steht.

„Spiel „ein Wind weht aus Süd“, forderte er.

Ich habe mit Bruno La Paloma im Duett gesungen und wie inbrünstig er „einmal holt uns uns die Seeeeeee und das Meeeer gibt keinen von uns zurrrück“ schmetterte, das werde ich nie vergessen.

Mittlerweile hatte eine Männergruppe aus der holzverarbeitenden Industrie auch genug Bier intus, um sich „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ zuzutrauen.

Auf einmal tauten sie auf und hatten Spaß.

„Hat ja doch noch geklappt“, meinte Axel lakonisch.

Vielleicht muss ich mich ja gar nicht so schämen.


Hinterlasse einen Kommentar