Ich hätte nicht gedacht, dass ich gleich am ersten Tag unseres Urlaubs in Bremerhaven etwas derart spektakuläres erleben werde, das mir im Nachhinein wie eine moderne Theateraufführung vorkommt.
Wie immer waren wir nach unserer Ankunft bei Natusch, einem gutbürgerlichen Restaurant im Fischereihafen eingekehrt.

Die Atmosphäre ist gediegen. Man speist in maritimer Atmosphäre und unterhält sich bei dezenter Musik im Flüsterton.

Während ich mich an den als Schiffchen gefalteten Servietten erfreue, zerreißt ein lautes „Du Arschloch“ die Idylle.
Na, was ist denn da los?
Hinter uns sitzt ein Rentnerpaar wie aus einer Werbung im Vorabendprogramm. Sportlich, schlank, grauhaarig, sehr gepflegt und vermutlich gebildet. Sie könnte Yoga machen und er Modellbau.
Er fragt, wie ihr die Vorspeise schmeckt.
„Die kann ich gleich als Dünnschiss wieder wegbringen“, pöbelt sie durchs Lokal.
Er verstummt.
„Du sitzt hier wie zu Hause. Was wäre aus dir geworden, wenn ich nicht gewesen wäre“, beginnt sie ihre Abrechnung.
Das interessiert mich nun auch und ich beginne mir Notizen zu machen, damit ich auch ja nichts vergesse oder falsch zitiere.
Es sollte sich lohnen.
„Ich will nicht mehr mit dir schlafen“, erfuhren die anderen Gäste unfreiwillig.
Er sagte immer noch nichts, was sie noch mehr in Rage brachte.
„Du kannst mich nicht abschieben, ich habe schließlich damals einen leitenden Posten für dich aufgegeben.“
Stille.
„Du bist ein Versager! Pleite gehen und dann wegen deiner Schulden unser Haus verkaufen.“
„Unsere Schulden“, korrigierte er.
„Du und deine Scheisshausparolen! Ich kann nicht mehr! Ich kann nichts mehr runterschlucken. Auch nicht dein lauwarmes Sperma.“
Das hat sie nicht wirklich gesagt.
Mir fiel der Bratfisch von der Gabel.
Da muss doch gleich Klaas um die Ecke kommen und sagen, dass sie die Challenge gewonnen hat.
Statt dessen kam das Hauptgericht.
Für einen Moment war Schweigen und wir konnten uns kurz erholen.
Dann macht er den folgenschweren Fehler und fragte wieder, ob es ihr schmeckt.
Hier eine Zusammenfassung der Kritikpunkte, die in einem fort wiederholte.
„Das ist das Allerletzte! Ich kann dieses olle Gemüse (Spargel) nicht mehr sehen. Und ich esse keine aufgebratenen Kartoffeln! (Drillinge mit Rosmarin) Das ganze Essen ist kalt und auf der Sauce ist Haut. Ich geh das gleich alles wieder auskotzen. Das viele Geld! Die sehen mich hier nie wieder!“
Da kommt der Ober.
„Ist alles recht?“
„Ja, danke“, säuselt sie.
Endlich platzt ihm der Kragen.
„Seit fast einer Stunde sagst du 30 oder 32 Mal, dass das Essen kalt ist. Warum sagst du das dann nicht dem Ober?“
„Dann schieben sie das doch nur in die Mikrowelle und der Fisch wird noch trockener und die Kartoffeln nochmal aufgewärmt“ konterte sie. „Warum sagst du denn nichts? Dein Essen war doch genauso kalt. Ich hasse dich wie die Pest. Du machst nur Fehler, Fehler, Fehler. Und jetzt hör endlich auf, immer nur mit mir zu motzen!“
Schachmatt.
Nach gewonnener Schlacht erhob sie sich und ging schonmal „Richtung Stadt.“
Er bestellte die Rechnung.
Der Ober bedankte sich sehr für ein offensichtlich opulentes Trinkgeld, musste sich aber dafür bei der Kartenzahlung anhören, das man ausschließlich Apple Geräte besitzt und welche Einstellungen da im einzelnen vorgenommen wurden.
Er wollte einfach auch mal irgendwas sagen.
