Genauso haben wir uns das vorgestellt.
Sich bei bestem Wetter einfach durch den Tag treiben lassen.
Die kalten Winde der schwarzen Bora lassen noch auf sich warten und man kann auch abends noch im Tshirt rumlaufen.
Einziger Pflichttermin ist der Sonnenuntergang gegen 18h.
Da findet man sich vor dem Hotel auf der Promenade ein und guckt, was die anderen so machen.

Die einen verkürzen die Wartezeit indem sie eine Angel ins Wasser halten.

Andere gehen schwimmen oder machen Selfies.
Posing ist eine ganz große Sache.
Für die Jungen ist es ganz leicht. Sie halten ihre gut trainierten Körper ins Gegenlicht und fertig.
Im Alter wird es schwieriger.
Da wird als ästhetisches Element ein Aperol Spritz oder ein wohl gefüllter Sektkühler verwendet, über dessen Rand man nachdenklich gen Westen schaut.
Ein besonders klägliches Beispiel aus der Übergangsphase konnte ich leider nicht fotografieren, aber ich habe es mir genau gemerkt.
Eine Frau, Anfang fünfzig. Schon beim Frühstück war sie mir aufgefallen, weil sie ständig ihre Locken schüttelt und sich so bewegt, als wären aller Augen auf sie gerichtet, während sie sich etwas Obst und Nüsse vom Buffet holt.
Der Mann hat nichts mehr zum schütteln und holt sich übervolle Teller ganz egal, ob es jemand sieht.
Ich glaube nicht, dass die beiden sich schon lange kennen.
Beim Sonnenuntergang musste er eine Fotoserie von ihr machen.
Sie setzte sich mit angezogenen Beinen seitlich auf die Brüstung. Neben ihr die Hermès Tasche mit angeknotetem Tüchlein.
Hier mal heimlich bei anderer Gelegenheit geknipst.

Ich glaube nicht, dass das echt war und auch ihre Schuhe waren keine Todds.
Sie zog sie aus.
Locken schütteln und Duckface.
Alle schauten.
Leider hatte sie vergessen, dass sie noch Socken an hatte.
Nein, keine Socken oder Füßlinge, die hätte man noch kokkett von sich kicken können.
Aber in fortgeschrittenem Alter unbeholfen Kniestrümpfe unter der Hose hervorzuziehen, war verdammt unerotisch.
Man sollte auf andere Werte setzen.
Am Morgen hatten wir das Kontrastprogramm erlebt.
Ich stand dumm am Hafen rum, als mich ein älterer Herr auf deutsch grüßte. Er freute sich, dass ich deutsch antwortete, ein Wort gab das andere, wo denn mein Mann sei und zack waren wir zum Aperitif auf sein Boot eingeladen.
Ich weiß nicht, wovor es mir mehr graut, Alkohol am Morgen oder Sprünge auf ein schwankendes Boot.
Aber ich wusste, beides würde sich lohnen.

Geschafft!
Mit über 80 schippert das Ehepaar einträchtig durch die Weltgeschichte und hatte jede Menge Dönekes in typisch österreichischem Humor zu erzählen.
Wir lachten viel und der Aperol war richtig lecker.
Sie wissen nicht, wie lange sie noch reisen können. Er nahm seine Mütze ab und zeigte eine große Narbe. Hirntumor. Bevor es zur Bestrahlung geht, sind sie nochmal losgefahren.
Aber man darf sich nicht unterkriegen lassen. Jetzt erst recht.
Seine Frau hat zwei künstliche Kniegelenke und war deutlich eingeschränkt.
Ich sagte, dass ich das nicht machen lassen will.
Ohne dass ich danach gefragt hätte, zog sie die Hosenbeine hoch und zeigte mir ihre Narben. „So sieht das dann aus.“
Meine Güte. Die Arme.Und damit klettert sie auf dem engen Boot herum.
Wie gut müssen die beiden sich verstehen.
Wie gleichgültig sind da Locken, Taschen und Kniestrümpfe.

