Ich muss mal Dampf ablassen, weil alle immer Volldampf voraus gehen müssen.

Im letzten Post habe ich ja schon geschrieben, dass ich immer hinterher hinke. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Eigentlich habe ich diese Reise als Test gedacht für den Fall, dass ich irgendwann nicht mehr allein reisen kann.

Jetzt muss ich feststellen, dass ich weiter allein reisen muss, weil ich zu unfit für eine Gruppenreise bin.

Außer mir ist da noch eine Frau mit Rollator und ein Ehepaar.

Er ist 90, sie 87.

Sie geht meistens am Stock, er hilft ihr, wo er kann und schleppt sogar ein Jägerstühlchen für sie mit.

Die Beiden sind reizend! Sie sind übrigens einverstanden, dass ich über sie schreibe.

Sie verreisen seit Jahrzehnten mit Studiosus und sagten jetzt ganz traurig, dass das jetzt ihre letzte Reise sei. Nicht, weil sie es nicht schaffen, sondern weil keiner Rücksicht nimmt.

Ich habe darüber mit dem Reiseleiter gesprochen. Er meinte, das sei eben so. Irgendwann fällt man raus.

Als die Anderen noch nicht mitgekriegt hatten, dass ich auch nicht gut laufen kann, hat man mich noch in die Unterhaltung einbezogen.

„Was die hier wollen, die halten den ganzen Betrieb auf“, war aus der Gruppe zu hören.

Der Darwinismus des Bildungsbürgertums.

Sind wir denn nicht alle gleich und integriert? Wohl nicht. Die Sanftpfötigkeit der offiziellen Ausdrucksweise steht in krassem Gegensatz zu dem, was hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird.

Eine externe Reiseführerin war anders und sagte: „Warum gehen sie denn so schnell? Wir haben doch Zeit. Die, die langsam gehen, können nicht schneller, aber sie können doch langsamer gehen.“

Ganz meine Meinung.

Abends unterhielt ich mich mit einer Ärztin (!) darüber. Sie meinte, dass auch sie keine Lust hätte, langsamer zu gehen.

Funfact: Am nächsten Tag stürzte sie schwer und humpelt nun auch in der Nachhut mit.

Während man beim Schrittempo unerbittlich ist, ist der Harndrang sozial akzeptiert.

Spätestens alle zwei Stunden ist Pinkelpause. Dabei kommt es zu absurden Situationen.

Alle gehen immer auf die Toilette, auf die der Reiseleiter hinweist.

Auf dem Rastplatz ist es ja ok, aber in der Stadt, wo ein Café neben dem anderen ist, ist es absurd.

Zumal hier niemand ein Problem damit hat, wenn man ohne Verzehr das WC benutzt.

So bin ich nebenan ins 4 Sternehotel gegangen, während die anderen auf der öffentlichen Wochenmarkttoilette waren.

Wenn schon ein Mercedes im Foyer steht, ist auch der Waschraum die pure Freude.

Heute waren wir vor einer touristischen Attraktion auf einer Straße mit Cafés, Restaurants und Eisdielen.

Der Reiseleiter wies auf eine öffentliche Toilette: „Wer vorher nochmal muss, sollte jetzt gehen.“

Auf einmal stand ich alleine da. Die anderen 22 waren im Gänsemarsch alle zu derselben Toilette gegangen.

Da bin ich fitter als die anderen.

Ich sollte es ihnen mal mit gleicher Münze heimzahlen.

Ich muss nicht. Ich will weiterfahren.

Mir doch egal, wie sie klarkommen.


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